TAZ, 23.12.2009
Sehnsucht nach München
Die Familie Al-Rawi gehört zu den 2.500 irakischen Flüchtlingen, die Deutschland dauerhaft aufnehmen will. Im Juni sind sie angekommen, jetzt büffeln sie Deutsch. Die Al-Rawis werden es schaffen.
FRIEDLAND/AUGSBURG taz | Ein Teil der Erinnerungen steckt in einem kleinen blauen Karton, in dem früher ein Puzzle war. Hakim Al-Rawi kramt darin herum, dann zieht er eines der Fotos heraus. Auf dem unscharfen, verblichenen Bild sind zwei Menschen zu sehen, die in weiße Gewänder gehüllt an einem Flussufer sitzen. Ihre Beine baumeln im Wasser. "So haben wir Hochzeit gefeiert", sagt Hakim Al-Rawi auf Arabisch. "Man wird getauft." Er ist rechts im Bild zu sehen, links neben ihm sitzt Iman, seine Frau. Aufgenommen wurde das Foto vor 26 Jahren in Bagdad.
Hakim
Al-Rawi legt das Foto in den Karton zurück. Dann holt er ein Gebetbuch
mit arabischer Schrift, das in ein weißes Tuch gewickelt ist,
schließlich zwei Plastikkärtchen. Eines ist mit seinem Foto versehen,
das andere mit dem seiner Frau. "Das sind unsere religiösen Ausweise",
sagt der Iraker. "Die haben alle Mandäer". Die Al-Rawis sind Mitglieder
einer religiösen Minderheit, die weder muslimisch noch christlich ist.
Mandäer sind Anhänger von Johannes dem Täufer. Eines ihrer Rituale ist
die Taufe in fließenden Gewässern, die immer wieder vollzogen wird.
Bei ihrer Hochzeit im Jahr 1983 konnten die Al-Rawis ihren Glauben im
Irak noch relativ frei ausüben. Mehr als 20 Jahre später klopfte ein
Mann an ihre Tür, vermutlich Mitglied einer islamistischen Terrorbande:
"Du dreckiger Mandäer", drohte er. "Verlasst das Land oder jemand aus
deiner Familie wird entführt." 2007 flohen die Al-Rawis nach Syrien.
Seit sechs Monaten leben sie in Deutschland, das sich nach zähem Ringen
im vergangenen Jahr entschlossen hat, 2.500 Iraker dauerhaft
aufzunehmen. Hakim
Al-Rawi ist 52 Jahre alt, zum dunklen Anzug trägt er ein wollweißes
Hemd und Krawatte. Es ist Mitte Dezember, draußen vor dem
Übergangswohnheim für Flüchtlinge im bayerischen Augsburg weht ein
kalter Wind. Der Vater sitzt auf dem einzigen Stuhl in dem Raum, der
nachts auch das Schlafzimmer seiner drei Töchter ist. Seine Frau Iman
ist 48 Jahre alt, die Tochter Dhifaf 20, ihre Schwester Balsam ist 17
und Atyaf, die Jüngste, 16. Sie sitzen auf den Betten. Gemeinsam mit
einem Ehepaar, das auch aus dem Irak geflohen ist, sind die Al-Rawis in
einer kleinen Dreizimmerwohnung untergebracht. Sie haben zwei Zimmer,
das Ehepaar eins, die kleine Küche und das Bad werden geteilt.
In Bagdad hatte die Familie ein großes Haus mit Garten, jede der
Töchter hatte ein Zimmer. Der Vater, ein Elektroingenieur, arbeitete im
Ministerium für Verkehr und Kommunikation, die Mutter als
Grundschullehrerin. Die Mädchen gingen zur Schule und wollten
studieren. Mandäer gehörten im Irak traditionell zur gebildeten
Mittelschicht. "Uns ging es gut", sagt Dhifaf, die 20-Jährige. Sie hat
die Schule im Irak abgeschlossen und will Ärztin werden. Von
wirtschaftlichen Problemen und der Unterdrückung der religiösen
Minderheiten durch Diktator Saddam Hussein spürten die Al-Rawis
zunächst nicht viel. Als die Vereinten
Nationen nach dem Einmarsch der Iraker in Kuwait Anfang der
Neunzigerjahre Sanktionen verhängten, wurde es wirtschaftlich eng im
Land. Das Gehalt aus dem Ministerium reichte nicht mehr. "Selbst Eier
waren plötzlich teuer", erinnert sich Hakim
Al-Rawi. Er verließ das Ministerium und machte sich als Goldschmied
selbstständig. Das Handwerk hatte er - wie traditionell viele Mandäer -
von seinem Vater gelernt. Richtig schlimm aber sei es erst nach dem
Sturz Saddams im April 2003 geworden. In den
Jahren danach wurden Bedrohungen, Entführungen und Anschläge
islamistischer Terrorgruppen immer alltäglicher. Die Mandäer, so heißt
es bei Amnesty International, seien eine der ersten Gruppen gewesen,
die Opfer von Übergriffen wurden. In Berichten der
Menschenrechtsorganisation ist von Morden und Vergewaltigungen, von
Verschleppungen, Entführungen und Zwangsbeschneidungen von Mandäern die
Rede. Die heute 17-jährige Balsam wurde von einer Bombe, die in der
Nähe ihres Hauses explodierte, am Fuß verletzt, der Vater bei einem
Überfall angeschossen. Geld und Schmuck im Wert von 36.000 Dollar
wurden dabei geraubt. Iman Al-Rawi bringt
frischen Tee, ihr Mann bückt sich, zieht Schuhe und Strümpfe aus. Dann
zeigt er auf die Narben auf seinem Knöchel, die von dem Überfall
geblieben sind. "Manchmal haben wir uns aus Angst tagelang nicht aus
dem Haus getraut", sagt er. Seine Eltern und acht Geschwister verließen
das Land, sie leben heute in Schweden und Holland. Beide Staaten nehmen
seit Langem jährlich eine festgelegte Anzahl Flüchtlinge dauerhaft auf.
"Imans Vater lebt noch im Irak, er ist ein alter Mann und schafft die
Reise nicht mehr", sagt Hakim Al-Rawi und fügt dann langsam hinzu: "Einer ihrer Brüder wurde entführt. Er ist noch immer verschwunden."
Von den rund 50.000 Mandäern, die es vor dem Sturz Saddam Husseins im
Irak gab, leben nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen heute
noch 5.000 dort.
Im November 2007 flohen die Al-Rawis nach Syrien, insgesamt 1,5
Millionen irakische Flüchtlinge strandeten hier. In Damaskus mieteten
sie eine Wohnung, die heute 20-jährige Dhifaf fand einen Job in einer
Buchhandlung. Die Familie lebte vom Ersparten, Dhifafs Gehalt und
Unterstützung der Verwandten aus Europa. Von der UN kamen Lebensmittel,
vom Roten Kreuz Medikamente. Dann begann das Warten. Denn wer sich
nicht auf eigene Faust nach Europa, Australien oder die USA
durchschlagen wollte, hat versucht, einen der raren Plätze in einem
Resettlement-Programm der UN zu ergattern, das eine langfristige
Perspektive im Aufnahmeland verspricht. Doch das ist schwierig - und
dauert. Die Al-Rawis wollten nach Deutschland.
Ihre älteste Tochter, die mit nach Damaskus geflohen ist, lebt
inzwischen hier. Sie hat einen Verwandten einer Freundin geheiratet,
der schon vor acht Jahren nach Deutschland gekommen war, und ist ihm
nach Olching, einem Vorort von München, gefolgt. In der bayerischen
Landeshauptstadt gibt es inzwischen eine kleine mandäische
Gemeinschaft, wie groß sie ist, weiß man nicht. Auch deshalb ist
München das Ziel der Al-Rawis. Das sagten sie auch dem Mitarbeiter des
Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, der die Familie während
eines insgesamt vier Monate dauernden Auswahlprozesses in der deutschen
Botschaft in Damaskus interviewte. Als Sicherheitsprüfung und
Gesundheitscheck gut ausgingen, war klar: Die Al-Rawis können nach
Deutschland ausreisen. München rückte näher.
Anderthalb Jahre nach ihrer Ankunft in Syrien, am 24. Juni 2009,
fliegen die fünf von Damaskus nach Hannover-Langenhagen. Von dort
bringt sie ein Bus in das Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen.
Friedland, das ist ein riesiges Gelände mit insgesamt 55 Gebäuden, Ende
der Achtzigerjahre kamen hier jährlich bis zu 150.000 Spätaussiedler
an. Seitdem die Bundesregierung die Bedingungen für ihre Einwanderung
erschwert hat, gehen die Zahlen zurück. Im vergangenen Jahr waren es
noch gut 4.000. Nun werden die irakischen Flüchtlinge zur Erstaufnahme
hierher gebracht. Für knapp zwei Wochen sollte es das erste Zuhause der
Al-Rawis in Deutschland werden.
Eine Woche nach ihrer Ankunft waren sie zu einem ersten Treffen bereit.
Haus 7 im Grenzdurchgangslager Friedland ist ein einstöckiger Zweckbau,
zerteilt von einem langen, hellgelb gestrichenen Gang. Ganz am Ende, im
letzten Zimmer rechts, waren die Al-Rawis untergebracht. Statt Anzug und Schlips wie einige Monate später in Augsburg trug Hakim
Al-Rawi einen blaugrauen Trainingsanzug und Schlappen. Dhifaf brachte
weiße Tassen und Wasser in einer Plastikflasche für den Besuch. Drei
Etagenbetten standen in dem kleinen Raum, oben lagen dicke dunkelblaue
Koffer, in den Betten unten die beiden jüngsten Töchter der Al-Rawis,
Atyaf und Balsam. Zu sehen waren sie nicht. Vom Kopf bis zu den Zehen
hatten sie sich unter weißen Bettdecken versteckt. Es war Mittag,
draußen war es schwül. Eine gute Stunde dauerte das Gespräch, die
beiden Mädchen rührten sich nicht, sie redeten kein Wort. "Sie sind
müde", sagte Iman Al-Rawi, die Mutter.
Gemeinsam mit ihrem Mann erzählten sie vom Irak und von Syrien, lobten
die frische Luft in Deutschland, die Sicherheit und die Menschenrechte
hier, und dass Strom und Wasser immer verfügbar sind. Vor allem aber
betonten die beiden Iraker immer wieder: "Wir wollen schnell Deutsch
lernen. Die Kinder sollen zur Schule gehen. Und dann wollen wir alle
arbeiten." Die Al-Rawis wollten ankommen in Deutschland, sich
integrieren. Die Bedingungen dafür sind bei
den Irakern aus dem Resettlement-Programm deutlich besser als bei
anderen Flüchtlingen. Sie müssen nicht das normale Asylverfahren
durchlaufen, sondern bekommen gleich zu Beginn Aufenthalts- und
Arbeitserlaubnis, einen Sprachkurs und Anspruch auf Hartz IV. Immerhin nach Augsburg
Eine Woche nach dem Gespräch werden die Al-Rawis verteilt, wie es im
Amtsdeutsch heißt. Die Behörden schickten sie nicht in ihre Wunschstadt
München, aber nach Augsburg. Das sind nur 60 Kilometer von der
Landeshauptstadt entfernt, mehrmals stündlich fährt ein Zug. München
rückt in greifbare Nähe. Seit Mitte Juli
besuchen die drei Töchter einen Integrationskurs im Augsburger
Universitätsviertel, die Eltern konnten damit aus organisatorischen
Gründen erst im Oktober beginnen. Viereinhalb Stunden täglich lernen
zwölf Jugendliche und junge Erwachsene hier zusammen Deutsch, viele von
ihnen stammen aus dem Irak, aber auch ein Russe und eine Rumänin sind
dabei. "Sie sind alle in der gleichen Altersstufe und haben das gleiche
Niveau", sagt Ute Caian-Kendi, die Sozialarbeiterin vom Diakonischen
Werk, die die Al-Rawis betreut. "Das ist ganz wichtig für den Erfolg."
Caian-Kendi ist sich sicher: Dhifaf, Balsam und Atyaf werden ihren Weg
gehen. "Sie haben gute Bedingungen." Dass die Familie geschlossen in
Deutschland ist, gehört für die Sozialarbeiterin ebenso dazu wie ihre
Bildung und ihr klares Ziel. "Die wissen, was sie wollen." Dies gelte
auch für die Eltern. "Aber sie werden es schwerer haben. Das ist fast
immer so." Sechs Monate sind die Al-Rawis
inzwischen in Deutschland, in Augsburg ist es kalt geworden und
winterlich. Fragt man die drei Töchter jetzt nach ihren Wünschen, hört
man: Schule, Studium, Arbeiten. Dhifaf will in München Medizin
studieren. Aus dem Irak hat sie eine Hochschulzulassung, das Zeugnis
ist ins Deutsche übersetzt. Jetzt will sie es zur Anerkennung
einreichen. Wirkliche Zweifel, dass sie ihren Wunsch auch in die Tat
umsetzen wird, hat die junge Irakerin nicht. "Ich muss nur Deutsch
lernen", sagt sie selbstbewusst. Das mache sie in rasantem Tempo,
erzählt Sozialarbeiterin Caian-Kendi. Dhifaf stört, dass sich ihre
Mitschüler in den Pausen auf Arabisch unterhalten. "Wir sollten Deutsch
sprechen, dann lernen wir schneller", sagt sie langsam auf Deutsch.
Atyaf und Balsam, die sich vor einem halben Jahr noch unter ihren
Decken versteckt haben, erzählen, dass sie weiter zur Schule gehen
wollen. Doch unter die Schulpflicht fallen sie mit 16 und 17 Jahren
nicht mehr. "Aber wenn sie gut Deutsch sprechen, können sie das Abitur
über die OBS machen", sagt Caian-Kendi und meint damit die
Otto-Benecke-Stiftung. Diese unterstützt Aussiedler und Flüchtlinge im
Auftrag der Bundesregierung unter anderem dabei, ein Studium
aufzunehmen. Balsam will Rechtsanwältin werden, Atyaf ist noch
unschlüssig. Über Männer, Hochzeiten und Kinder spricht keine der
Schwestern, wenn man nach ihrer Zukunft fragt.
Ihr Vater hätte gern, dass sie Mandäer heiraten, denn wenn ihr Partner
andersgläubig ist, können sie keine Mandäerinnen mehr sein. Maisam, die
Tochter in München, hat einen Mandäer zum Mann. Und wenn eine der
Töchter sich in einen Christen verliebt? "Kein Problem für mich", sagt
Dhifaf und lacht. Ihr Vater hingegen guckt ernst. "Keinen Muslim",
wehrt er ab. "Aber wenn sie einen Christen liebt, dann soll sie ihn
auch heiraten", sagt er dann. Die Dolmetscherin nimmt ihm das nicht
ganz ab. "Er ist ein traditioneller und konservativer Mann", sagt sie
so leise, dass die Al-Rawis sie nicht verstehen können.
Bei frischem Tee und Gebäck erzählt der Vater dann aufgebracht, dass er
beim Schwarzfahren erwischt worden ist. Er hat eine Monatskarte
gekauft, die erst ab dem nächsten Tag galt, und das nicht bemerkt. Er
hat die Hinweise auf dem Automaten nicht verstanden. "Man müsste uns
mehr Informationen geben", sagt er immer wieder. "Eine Broschüre mit
praktischen Tipps oder einen Kurs." Die Al-Rawis wollen nicht anecken,
sie wollen sich einfügen. "Wir wollen endlich in Ruhe und Frieden
leben", sagt Iman Al-Rawi, seine Frau. Später, draußen ist es schon
dunkel, merkt man erstmals Ungeduld. "Wir sind eine fünfköpfige
Familie, hier ist zu wenig Platz", sagt Hakim
Al-Rawi. "Wir brauchen vier Zimmer." Und die sollen unbedingt in
München sein. Wegen Maisam, der Tochter, und den anderen Mändäern.
Wegen ihrer Religion mussten die Al-Rawis den Irak verlassen. Zur
Ausübung des Glaubens braucht man eine Gemeinschaft, sagt Hakim
Al-Rawi. In Augsburg gibt es diese nicht. Doch in München wird hin und
wieder mit einem Geistlichen aus den Niederlanden oder Schweden sogar
eine Taufe in der Isar zelebriert. Seit Wochen
schon sucht die Familie mithilfe ihrer ältesten Tochter dort eine
Wohnung, inzwischen hat sie einen Makler eingeschaltet. Doch billiger
Wohnraum ist in München knapp, für Hartz-IV-Empfänger sind die
Aussichten schlecht. "Wenn es nicht bald klappt", sagt der Vater, "dann
müssen wir in Augsburg bleiben." München rückt in die Ferne. Zum ersten
Mal wirkt Hakim Al-Rawi resigniert.


