Taz, 09.02.2008
Mir san Murat
In München sendet ein Festival Signale und lässt für einige Nächte
ein aufgeschlossenes München entstehen - und ringt dem Innenministerium
eine Reaktion ab. Von Johanna Schmeller.
850 Flüchtlinge wollten die Münchner Kammerspiele der bayerischen
Landeshauptstadt "schenken", zum 850. Stadtjubiläum. Auf grellbunten
Flyern verbreiten sie den plakativen Schlachtruf ihrer Kampagne: "Eine
Stadt sagt Ja!" Doch daraus wird nichts. Das bayerische
Innenministerium erklärte der taz, dass der Jubilar dieses Päckchen
nicht zu öffnen gedenke: "Es besteht keine Notwendigkeit für eine
zusätzliche Aufnahme aus fernen Gebieten, nur um ein Stadtjubiläum zu begehen", heißt es in der Stellungnahme.
"Doing Identity" nennt sich das sechswöchige Projekt, Bastard-Festival
das Rahmenprogramm, für das die Münchner Theaterwelt gemeinsame Sache
mit namhaften Flüchtlingsorganisationen und mit Attac macht.
Hinterfragt wird unter anderem die Instrumentalisierung der "Marke"
Murat Kurnaz, den der Münchner Regisseur Bülent Kullukcu in "Mir san
Murat" singen lässt: "Ich bin Murat, ich hätt so gern ein neues
Motorrad." Wie ein Gegenstand wird die Rolle dabei zwischen den
Schauspielern hin- und hergeworfen, jeder "darf" mal Murat sein und
zeigen, wie er die Situation denn gelöst hätte. Der eine verzweifelt.
Der andere verfällt in traditionalistische Ritualhandlungen, die jedoch
nicht mehr mit individuellem Sinn zu füllen sind. Der Dritte bemüht
sich gleich, aus der Qual noch Kapital zu schlagen.
Regelungen erdenken und durchsetzen, das mag der Politik obliegen.
Identitätsfindung bedeutet Emotionalisierung, Fragen stellen, und dies
wird hier zur Sache eines Theaters gemacht. Und worin, fragt jenes nun,
gründet sich etwa die Identität von Zuwanderern, die noch Monate nach
ihrer Einreise in Baracken an der Prager Straße 46 untergebracht sind,
wo sie zweimal wöchentlich Pakete mit Überschussprodukten aus deutschen
Supermärkten bekommen - weil ihr Status noch zu bestimmen bleibt? Die
Politik hat mit der Art der Unterbringung ihre Antwort längst gegeben.
Auch die dokumentarische Performance "Fluchten" von Christine
Umpfenbach verbreitet echte, bittere Traurigkeit. Menschen treffen sich
auf einer Bühne, deren Wege sich bereits im realen Leben hätten kreuzen
können. Auf der einen Seite: eine junge Sachbearbeiterin, die täglich
Flüchtlings-Dossiers verfasst, und ein Polizist, der nach illegalen
Einwanderern fahndet. Auf der anderen: ein Nigerianer, ein Serbe, eine
Ugurin, eine Iranerin, eine Bosnierin mit unterschiedlichem
Aufenthalts-Status. Alle sitzen Seite an Seite in einer Stuhlreihe. An
vier Abenden spielen sie ihre eigenen Geschichten und die der anderen,
sprechen eigene Texte und fremde - zu den verschiedenen Segmenten, aus
denen sich ihre Identität in Deutschland nun zusammensetzt: Arbeit.
Wohnen. Liebe. Bayern. Mehr als einmal fließen Tränen. Auf der Bühne
wie im Publikum.
Keines der Projekte möchte mehr wissen, ob der Münchner
Bürgermeisterkandidat der CSU, momentan im Wahlkampf befindlich,
tatsächlich mit Bildern einer Überwachungskamera aus einem U-Bahnhof
werben sollte, auf denen der bekannteste Rentner der Republik von zwei
Männern, von jungen, ausländischen Männern zusammengetreten wird. Diese
Debatten hat es bereits genug gegeben. Bei "Doing Identity" vertrauen
die Kammerspiele auf die Wucht von schnell aneinander geschnittenen
Irritationsmomenten.
Wer nach der Stadtbegehung "Inside Landwehrstraße" von Karnik Gregorian
zu Hause seine Taschen lehrt, findet darin zwei Koran-Suren, die
türkische Übersetzung eines Goethe-Gedichtes, christliches Liedgut und
ein gebrauchsfertiges Spritzbesteck. Zwischenzeitlich hat er dampfenden
Tee geschlürft, wurde in mehrere Welten geführt, einen schnellen Moment
lang in jede integriert: in ein Suchtberatungszentrum, in eine von
vierzig Münchner Hinterhofmoscheen, in ein christliches Jugendzentrum
und in das türkisch geführte "Hotel Goethe", in dessen Speisesaal das
Attatürk-Porträt harmonisch neben dem Goethe-Bildnis hängt.
Entsprechend groß ist das Interesse, die Uraufführungen sind überfüllt.
Noch vor dem als Quizz-Show inszenierten Kampagnenstart von "Eine Stadt
sagt Ja!", noch bevor ein Moderator im schillernden Sakko "Der Laden
ist dicht, Freunde" ins Publikum brüllt und Rettungsringe für richtige
Antworten zur deutschen Flüchtlingspolitik verteilt, unterstützten
schon 121 Menschen das Anliegen, darunter die österreichische
Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Alle erklären sich auf
einer Website bereit, gegebenenfalls einem einreisenden Flüchtling bei
der Orientierung in Deutschland zu helfen.
Eine Aufnahme von 850 Flüchtlingen in München zu erreichen, das wird
den Kammerspielen nicht gelingen. Das Signal dagegen ist geglückt. Denn
so vorhersehbar der Inhalt des dürren Ministeriumsbulletins auch war,
das neugierigen Reportern in dieser Frage mürrisch weitergereicht wurde
- so auffallend bleibt doch, wie schnell es überhaupt vorlag. Und so
schaffen die Kammerspiele mit "Doing Identity" tatsächlich das
Kunststück, der Ängstlichkeit der jüngeren Vergangenheit ein
funktionierendes Label zu verpassen: Das einer weit überzogenen
Feigheit vor dem Fremden. Die aber längst nicht alle Bürger ohne
Migrationshintergrund ergriffen hat. Nicht mal im gewaltarmen,
wohlstandsverwöhnten Kokon unter den deutschen Großstädten. Einige
wenige Nächte lang darf hier ein neues, ein unbefangen aufgeschlossenes
München entstehen. Und siehe: Bayern ist ein Bastard.


