PRO ASYL, 02.03.2010
Interview zur Tour mit den Toten Hosen
Breiti im Gespräch mit Sabine Gernemann von Oxfam und Nicole Viusa von Pro Asyl
„Jeder Einzelne kann etwas verändern!“
Nach Ende der „Machmalauter“-Tour 2008/09 sprach Breiti mit Sabine Gernemann (Oxfam) und Nicole Viusa (Pro Asyl). Sabine und Nicole haben die Hosen fast die komplette Tour über begleitet, warben an Informationsständen für ihre Hilfsorganisationen und sammelten Unterschriften.
Breiti: Ihr habt uns fast die ganze Tournee begleitet. Wie sieht Eure persönliche Bilanz aus?
Nicole: Für uns war die „Machmalauter“-Tour schon die dritte Hosen-Tour. Wir haben aber noch nie so viele Termine absolviert wie diesmal. Bei den ersten beiden Touren haben wir noch ausprobiert, ob das überhaupt funktioniert, also: ob sich die Konzertbesucher für ein solches Thema interessieren. Jetzt waren wir fast überall dabei und konnten feststellen, dass uns viele Fans bereits kennen. Die sehen die Pro-Asyl-Banner in der Halle hängen, lesen die Berichte auf der Homepage oder im Newsletter. Etliche, die seit Jahren zu Euren Konzerten gehen, sind zu unserem Stand gekommen und stellten fest: „Schön, Ihr seid auch wieder da!“
Breiti: Sabine, Ihr wart in diesem Jahr zum ersten Mal an Bord. Wie sind Eure Erfahrungen?
Sabine: Durchweg positiv. Wir von Oxfam Deutschland haben so etwas in dieser Größenordnung noch nie gemacht. Wir standen früher bei kleineren Konzerten anderer Bands hinterm Tisch, durften aber oft gar nicht auf die Leute zugehen. Da hatten wir hinterher 30 Unterschriften oder auch mal gar keine. Was wir jetzt mit Euch auf Tour erlebt haben, hat uns überwältigt – nicht nur zahlenmäßig, sondern auch aufgrund des wirklichen Interesses der Fans. Uns ging es nicht nur darum, möglichst viele Unterschriften zu sammeln, sondern die Menschen einzubinden. Dabei sind wir mit vielen ins Gespräch gekommen, vor und nach den Konzerten.
Breiti: Was unternehmt Ihr, um die Kontakte jetzt aufrecht zu erhalten?
Sabine: Wir haben auf dieser Tour erstmals Helfer rekrutiert und anschließend eine Helferdatenbank erstellt. Wenn wir das nächste Projekt angehen, können wir ab sofort rund 500 Menschen deutschlandweit anschreiben, dank der „Machmalauter“-Tour. Und das Beste ist: Das sind alles Leute, die wirklich Lust haben, sich für Oxfam zu engagieren. Sie werden uns in Zukunft weiter dabei helfen, unsere Anliegen in das öffentliche Bewusstsein zu tragen und Gehör bei den Entscheidungsträgern zu finden. Die 54.000 Unterschriften, die wir auf Tour sammeln konnten, und Euer Einsatz als Band haben uns 2009 bereits einen Termin bei der damaligen Entwicklungshilfeministerin beschert.
Breiti: Woran merkt Ihr noch, dass sich Euer Einsatz gelohnt hat?
Nicole:
Wir merken während einer Hosen-Tour, dass die Zugriffszahlen auf unsere
Homepage sprunghaft ansteigen. Diesmal haben wir unterwegs unsere
Städte-Aktion „Save Me – Flüchtlinge aufnehmen“ vorgestellt. Das
dauerte immer ein, zwei Tage nach dem Konzertabend – und dann griffen
die Leute auf die jeweilige Städteseite zu und trugen sich als Pate
ein. Es passierte auch immer wieder, dass uns jemand eine Mail schrieb:
„Haben uns in XYZ unterhalten. Konnte nicht so viel Infomaterial
mitschleppen. Könnt Ihr mir bitte noch etwas schicken?“
Sabine: Es geht schließlich nicht immer nur um die großen
Paukenschläge, sondern auch um die kleinen Erfolge. Es ist auch schon
viel erreicht, wenn die Leute, die sich bei uns informiert haben, den
nächsten Zeitungsartikel zum Thema „Grundbildung in armen Ländern“ auch
wirklich durchlesen.
Breiti: Wie viel kann man jemandem in drei Minuten mitgeben? Das sind ja ziemlich komplizierte Sachverhalte, mit denen Ihr Euch täglich beschäftigt.
Sabine: Manchmal reicht es, wenn man kurz sagt,
dass es bei uns um Armutsbekämpfung in armen Ländern geht und
demjenigen ein paar Flyer mitgibt. Es kommt aber auch vor, dass man
sich eine Viertelstunde unterhält, ausführlicher miteinander
austauscht. Natürlich gibt es auch Streitgespräche, die ich aber auch
wichtig finde. Wir versuchen immer zu vermitteln, dass jeder Einzelne
etwas verändern kann!
Nicole: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass
viele Leute gerne zum Infostand kommen und auch die nötige Zeit
mitbringen. Wir haben Mini-Hosentaschen-Flyer, die man sich in 30
Sekunden durchlesen kann. Meistens ist es so, dass die Fans beim Lesen
über irgendetwas stolpern und dann bei uns nachfragen. Oder jemand
sagt: „Ich schreibe eine Hausarbeit über Flüchtlinge. Könnt Ihr mir
dabei helfen?“
Sabine: Besonders erfreulich ist es, wenn die Leute weiterdenken und
von selbst vorschlagen, dass sie unsere Flyer in der Schule oder Uni
auslegen. Das ist uns auf dieser Tour mehrfach passiert.
Breiti: Was wird eigentlich aus einer Kampagne wie „Machmaldruck gegen Armut“? Ihr wolltet die Bundesregierung damit an ihr Versprechen erinnern, die Entwicklungshilfe zu erhöhen, habt die Unterschriften an die damalige Entwicklungshilfeministerin übergeben. Drei Monate später sitzt ein ganz anderer Minister da. War jetzt alles für die Katz?
Sabine:
Ich bin überzeugt, dass wir trotzdem eine Wirkung erzielt haben. Wir
geben das Thema auch nicht von heute auf morgen auf, nur weil da jetzt
ein anderer Politiker sitzt. Wir sind als Oxfam wahrgenommen worden –
mit einer großen Menge Unterstützer – und werden es auch jetzt. Im
Dezember gehörte Oxfam zu den NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen,
d.Red.), die vor dem Klimagipfel vom neuen Entwicklungsminister
eingeladen wurden. Wir waren aber nicht nur bei Dirk Niebel, sondern
ein paar Tage später auch bei Angela Merkel.
Politiker bekommen durch unsere Aktionen und auch direkte Lobbygespräche ständig zu spüren, was wir von ihnen erwarten.
Nicole: Bei der letzten Tour haben wir Unterschriften für eine
Bleiberechtsregelung für gedultete Flüchtlinge gesammelt. 2006/07 ist
ein neues Bleiberecht installiert worden. Die Bleiberechtskampagne lief
zuvor drei Jahre lang. So viel Zeit brauchte es, um den nötigen Druck
aufzubauen. Wir kämpfen allerdings auch hier weiter, weil das neue
Bleiberecht immer noch nicht dem entspricht, wofür die Leute
unterschrieben haben. Unsere neue Kampagne „Save Me“ braucht aktuell
noch mehr Unterstützung. In manchen Städten gibt es bereits
Ratsbeschlüsse, aktiv Flüchtlinge aufzunehmen. In anderen gilt es
gerade jetzt, Druck auf den Rat auszuüben.
Breiti: Was mich auch interessiert: Wie sah denn eigentlich Euer Tourleben aus?
Sabine: Beim Bierchen nach den ersten Konzerten kannten wir anfangs noch keinen... Mittlerweile ist das etwas anders geworden. Ich genieße es jedes Mal aufs Neue, beim Soundcheck dabei zu sein, das ist eine besondere Atmosphäre. Und natürlich beim Konzert selbst. Wir sind von der ganzen Crew toll aufgenommen worden! Im Laufe der Tour haben wir außerdem einige der Hardcore-Fans näher kennen gelernt, die mittlerweile bei den Konzerten eine eigens angefertigte Oxfam-Fahne schwenken. Sowas ist doch super! Besonders schön fand ich es, immer wieder die Kollegen von Pro Asyl zu treffen, wenn wir irgendwo gemeinsam einen Stand gemacht haben.
Breiti: Ihr seht euch also nicht als Konkurrenz?
Nicole: Als ich vor zweieinhalb Jahren davon gehört habe, dass Campino, Andi und Du die Reise mit Oxfam durch Afrika machen, fand ich das richtig klasse. Wir sehen uns keinesfalls als Konkurrenz zu Oxfam, sondern eher als perfekte Ergänzung. Wenn bei uns jemand sagt, dass er Menschen in armen Ländern unterstützen will, schicken wir ihn zu Sabine. Wenn bei Oxfam jemand sagt, dass er lieber hierzulande etwas tun möchte, schicken sie ihn zu Pro Asyl. Für uns ist es auch wichtig, dass Menschen gar nicht erst aus ihren Heimatländern fliehen müssen, und das ist ein Teil der Arbeit von Oxfam.
Breiti: Eine persönliche Frage: Ich habe Eure Arbeit als extrem professionell kennen gelernt, dafür braucht man eine hohe Qualifikation. Wenn Ihr für ein Wirtschaftsunternehmen arbeiten würdet, könntet Ihr ein Vielfaches verdienen. Wieso habt Ihr Euch diesen Job ausgesucht?
Nicole:
Migration und Flucht war für mich immer schon ein Thema. Ich bin selbst
eine in Deutschland geborene Spanierin. Meine Eltern sind die
klassischen Gastarbeiter, Dadurch bin ich als Kind in einer Welt
aufgewachsen, in der ich zwar Ausländerin war, allerdings aber eine
sehr privilegierte europäische Ausländerin. Während der
Studentenstreiks 1997 habe ich im AStA die Beratung der ausländischen
Studierenden übernommen. Was ganz schnell klar war: Ich wollte mit
meinem Sozialpädagogikstudium etwas für Menschen machen, die ganz
schwer Hilfe bekommen. Wenn Abschiebungen vollzogen werden, die
Klienten von mir betreffen, belastet mich das auch abends, wenn ich
nach Hause komme. Es gibt aber auch genug positive Momente, in denen
man etwas scheinbar Unmögliches erreicht. Ich bereue es nicht, diesen
Weg gegangen zu sein.
Sabine: Für mich kam es nie in
Frage, bei einem Wirtschaftsunternehmen zu arbeiten. Die Themen, mit
denen ich mich in meinem Job befasse, beschäftigen mich auch nach
Feierabend. Das Abschalten fällt mir schon schwer. Woanders bekäme ich
sicherlich mehr Geld, aber es ist ein Beruf, der mich persönlich
zufrieden stellt. Mich interessiert, was um mich herum vorgeht, und ich
versuche, Einfluss zu nehmen. Das war schon früher in der Schule im
sogenannten „Green Team“ so. Da haben wir im Wald säckeweise Müll
gesammelt und das Ganze dann den geladenen Lokaljournalisten in der
Fußgängerzone vor die Füße gekippt (lacht). Gab ein großes Foto! Klar
war schon immer: Wenn ich etwas ungerecht finde, kann ich nicht darauf
warten, dass jemand anderes die Lage verbessert. Da muss ich schon
selber ran.
Breiti: Wenn sich jetzt jemand bei Euch engagieren möchte, was kann er/sie machen?
Nicole:
Wer sich in seiner Stadt für unsere „Save Me“-Kampagne engagieren will,
kann auf unserer Homepage Pate oder Botschafter werden, wird zu
Kampagnentreffen eingeladen. Jeder entscheidet natürlich selbst, wie
stark er sich engagiert, ob nur mit einer Unterschrift oder aktiv vor
Ort. Klar ist: Überall in Deutschland gibt es Flüchtlingslager, in
denen Menschen unter katastrophalen Bedingungen leben müssen. Dazu und
zu vielen anderen Themen, wie z.B. das Sterben an den europäischen
Außengrenzen starten wir regelmäßig Emailaktionen, bei denen Leute den
Verantwortlichen direkt Protestmails schicken können.
Sabine: Bei Oxfam gibt es unterschiedlichste Möglichkeiten: Das
Einfachste wäre, seine Unterschrift abzugeben, was auch ganz wichtig
ist für unsere Bemühungen. Dann suchen wir immer freiwillige Helfer,
die Flyer auf Konzerten und anderswo verteilen. Man kann bei
OxfamUnverpackt eine Ziege erwerben und damit unsere Projektarbeit in
armen Ländern direkt unterstützen. Oder man geht in einen unserer
vielen Oxfam-Shops und kauft dort entweder ein oder hilft als
ehrenamtlicher Mitarbeiter. Die Erträge aus den Shops fließen wiederum
in die entwicklungspolitische Arbeit von Oxfam.


