TAZ, 04.11.2009
Im gelobten Land
AUS ERFURT SEBASTIAN ERB Die
älteren Jungs, die cooleren, werden wieder einmal zu spät sein, aber er
ist schon da. Erst albert Ahmed ein wenig herum, als die Lehrerin
kommt, setzt er sich auf seinen Plastikstuhl. Ahmed, schmächtige
Statur, sympathisches Grinsen, Segelohren, geboren am 17. 3. 1998 in
Bagdad, will schnell Deutsch lernen. Er möchte das Beste aus seinem
neuen Leben machen.
Die Jeans verdecken halb seine Turnschuhe, auf
seinem T-Shirt ist ein Inlineskater abgebildet. Neben ihm sitzt Saif,
dem sieht man nicht an, dass er auch schon fast elf Jahre alt ist. Saif
würde jetzt gerne Memory spielen, darf er aber nicht. Er muss jetzt
lernen, wie oft das A in Apfel vorkommt. Und wie man M-a-m-a schreibt.
Saif spielt mit seinem Arbeitsblatt und schaut mit großen Augen durch
das Stanzloch die Lehrerin an. Die sagt: Legt eure Mäppchen bitte
parallel zur Tischkante. Die Chancen für Ahmed
und Saif, ihre Familie und die Landsleute aus dem Irak, dass ihr neues
Leben ein gutes wird, stehen nicht schlecht. Besser als bei anderen
Flüchtlingen, Asylbewerbern etwa. Sie haben eine Aufenthaltsgenehmigung
für drei Jahre, bekommen Hartz IV und sie dürfen arbeiten. Die
acht irakischen Kinder zwischen 10 und 15 Jahren besuchen die
Lessingschule, Haupt- und Realschule unter einem Dach, bekommen dort
fünf Stunden pro Woche extra Deutschunterricht, acht Stunden Kurs gibt
der Internationale Bund. "Es ist schwierig mit ihnen", sagt die
Lehrerin, "sie verstehen ja nichts. Und sie sind so unruhig."
Schulterzucken. "Man weiß ja auch nicht, was sie durchgemacht haben." Ein
vierstöckiges Haus, von der Straßenseite Klinker natur, im Hof weiß
angestrichenen. Auf den Klingelschildern stehen russische Namen, im
Treppenhaus, das eine Grundreinigung nötig hätte, Aushänge auf
Russisch. Bisher lebten hier nur Russen, seit ein paar Wochen auch vier
Familien aus dem Irak. "Übergangswohnheim für Flüchtlinge", der Name
passt: Hier will man nicht für immer bleiben. Ahmed läuft in den
zweiten Stock, im Appartement 22 wohnt er mit seiner Mutter und den
beiden jüngeren Schwestern. Ein Raum, zwei Schränke versperren die
Sicht auf die Betten. Obenauf stehen die Koffer, mit denen sie am 12.
August auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen ankamen. Ahmeds Familie,
bei den Behörden ist sie Fall Nr. 12552. Auf der
Fensterbank stehen Blumen. Ahmeds Mutter hat alles so schön
eingerichtet, wie es eben geht. Sie ist Mitte 30, glattes Gesicht,
schlichtes Kopftuch. "Alles in Ordnung hier", sagt sie. Sie klingt
zufrieden. Sie will zufrieden klingen. Vor nicht
allzu langer Zeit war gar nichts in Ordnung. Ahmeds Mutter arbeitete in
der "Grünen Zone" Bagdads für eine US-Firma. Da verdiente sie viel,
zuletzt 1.000 Dollar im Monat. An einem Tag, als sie von der Arbeit
nach Hause kam, warteten 15 bewaffnete Männer. Sie sagten: Wenn du
nicht aufhörst für die Amerikaner zu arbeiten, bringen wir deine
Familie um. "Einmal, als ich Brot kaufen ging, hat einer auf mich und
die anderen Leute geschossen", erzählt Ahmed. "Aber zum Glück ist mir
nichts passiert." Pause. "Ein Schuss ging ganz knapp vor meinem Gesicht
vorbei." Dann schweigt er. Seine Schwester drückt ihm eine Barbiepuppe
in die Hand. Er gibt sie ihr gedankenverloren zurück. Bombe im Büro Seine
Mutter zeigt Fotos, ausgedruckt auf DIN-A4-Blättern. Man erkennt einen
umgestürzten Schreibtischstuhl, ein Loch in der Decke, Schutt. Sie
haben eine Bombe ins Büro geschmissen, zum Glück ist sie nicht
explodiert. "Es war für uns alle sehr gefährlich, dort zu arbeiten."
Sie hat das oft erzählt. Sie musste es oft erzählen, um hierher zu
kommen. Um mit ihrer Familie zu den 2.500 irakischen Flüchtlingen zu
gehören, zu deren Aufnahme sich die Bundesregierung verpflichtet hat. Die
Mutter berichtet, wie schiitische Milizen die Wohngegend umzingelten,
mit Baseballschlägern auf die Leute eindroschen und 25 Männer
mitnahmen. Zwei Onkel von Ahmed waren am Ende tot. Erschossen. Die
Mutter redet sich in Rage, schildert Gräueltaten, die der Dolmetscher
irgendwann nicht mehr übersetzen will. 2006
flüchtete die Familie nach Syrien. Arbeit gab es für Iraker in Damaskus
nicht, das Geld vom UNHCR reichte gerade so zum Überleben. Sie stellten
den Antrag beim UN-Flüchtlingshilfswerk. Sie warteten. Die Antwort:
Kanada oder Deutschland. Deutschland sagte zuerst zu. Wenn Ahmed an den
Tag erinnert wird, an dem sie hier ankamen, fängt er an zu weinen. Er
muss an seinen Vater denken und seine Großeltern, die in Syrien
geblieben sind. Die Wunden, die so langsam verheilen, können jederzeit
wieder aufbrechen. Dann lieber im Heute leben.
"Die Lehrer sind so nett hier", sagt Ahmed, das hat ihn überrascht. "Im
Irak haben sie die Schüler auch geschlagen." Dass er fast nichts
versteht im Unterricht, findet er nicht so schlimm. Dann redet er eben
mit Händen und Füßen. Den Sportunterricht mag Ahmed am liebsten. Wenn
er ein Tor schießt, jubeln ihm alle zu. Im Irak durfte er nicht im
Freien spielen. Zu gefährlich. In Syrien hat es seine Mutter auch nicht
so gern gesehen, dabei ist Fußball seine Leidenschaft. Er ist Fan des
FC Barcelona, besonders von Lionel Messi, "weil der so schnell ist". Wenn
man Ahmed zu Hause besucht, begrüßt einen gleich sein Nachbar, der
Vater von Saif, Ahmeds Freund aus dem Deutschkurs. Der Nachbar heißt
Saad, ist Anfang 40, freundlich forsch, sein grauer Vollbart gestutzt.
Saad hat seinen Weg gefunden, mit der Vergangenheit fertig zu werden.
Er präsentiert sie den Besuchern. Kommen Sie rein, sagt er, geht auf
seinen Sohn zu, fasst ihn, so wie ein Schäfer sein Lamm fasst. Er rollt
seine Hose hoch. Narben am Bein. Ärmel hoch. Narben an den Armen.
Narben am Bauch, Narben am ganzen Körper. Saif schaut nur leicht
gequält und sagt nichts. 2005 wurde Saif
entführt, sagt sein Vater, er wurde gefoltert, sexuell missbraucht, mit
Batteriesäure übergossen, verätzt. Deshalb die Narben. So steht es auch
im Protokoll der Untersuchung, die ein UN-Arzt vor dem Abflug nach
Deutschland durchgeführt hat. Der Arzt attestierte Saif ein "heftiges
psychologisches Trauma". Es gibt die zwei Seiten des Jungen, gerade war
er noch das fröhliche Kind, dann malt er, in sich zurückgezogen, Bilder
in dunklen Farben. Das alles sprudelt aus seinem Vater heraus,
ungefragt, als wolle er damit sagen: Seht her! Wir haben einen guten
Grund, hier zu sein. 30.000 Dollar Lösegeld Seine
Familie, seine Frau, er und die fünf Kinder, gehört den Mandäern an,
einer monotheistischen Religionsgemeinschaft, deren Ursprünge
irgendwann in der Zeit vor Johannes dem Täufer liegen. Im Irak werden
die Mandäer wie die Christen verfolgt. Saad glaubt, dass sein Sohn
deshalb entführt wurde. Dann erwähnt er noch das Lösegeld, 30.000
Dollar. Dafür ging die Wohnung drauf. Saad hat
sich beruhigt, seine Frau bringt Orangenlimo und Kekse. Die Mädchen
brennen Räucherstäbchen an, Saif spielt mit einem Zauberwürfel.
Bundeswehr-Wolldecken liegen auf dem Boden, die Wand ist kahl. "Es ist
eine Gnade Gottes, hier sein zu dürfen", sagt Saad. So
schnell es geht, will er wieder arbeiten. Aber natürlich muss er
zunächst Deutsch lernen, der Kurs beginnt bald, ein paar Wörter kann er
schon. Guten Morgen, Tisch, Stuhl, Donnerstag, Montag. Er lacht. Und
irgendwann wird er auch die seltsamen deutschen Regeln verstehen. Vor
kurzem musste er 20 Euro Strafe zahlen, weil er auf dem Marktplatz eine
Zigarettenkippe auf den Boden geworfen hat. Die
Erfurter Polizei kennt die Iraker inzwischen. Ein Kind zerkratzte eine
Autotür. Die Nachbarn beschweren sich regelmäßig über Lärm. Einmal
musste die Polizei drei kleine Kinder, die weggelaufen waren, wieder
einsammeln. Sie hatten keine Schuhe an. Es hatte ihnen keiner gesagt,
dass man in Deutschland nicht ohne Schuhe nach draußen geht, schon gar
nicht im Herbst. Die irakischen Familien kamen
für viele in Erfurt überraschend. Die Schule hatte plötzlich acht neue
Schüler, als das neue Schuljahr längst begonnen hat. Sie improvisiert.
Wenn es Streit gibt zwischen den deutschen und den irakischen Schülern,
fällt es den Lehrern schwer, zu schlichten. Denn sie sprechen kein
Arabisch und der Dolmetscher kommt nur einmal die Woche. Die Diakonie
versucht zu koordinieren, was Stadt, Schule und der Internationale Bund
auf die Beine stellen. Sie sucht Ehrenamtliche, die sich um die
Familien kümmern. Von deren langem Atem wird es abhängen, ob aus der
Fluchtgeschichte eine Erfolgsgeschichte wird. Die Leiterin des
Wohnheimes hat sich ein Arabisch-Wörterbuch gekauft, 37.000
Stichwörter. Zwei hat sie gelernt: Schule und Guten Tag. Ahmed
und seine Mutter müssen los, ihren Laptop von der Reparatur abholen,
damit sie den Vater wieder übers Internet anrufen können. Er ist
geschieden von seiner Frau, aber allen immer noch nah. Fast jeden Tag
sprechen Ahmed und seine Schwestern mit ihm. Sie erzählen ihm alles.
Dass es in Deutschland kalt ist. Wie schön es ist, Straßenbahn zu
fahren, vom Besuch im Zoo. Und immer fragen sie: Wann kommst du endlich? Ahmed
käme nicht auf die Idee, große Pläne zu schmieden. Aber er hat einen
Traum. Wenn er groß ist, will er Ingenieur werden. Und wo will er
arbeiten? Der Junge lächelt, es ist ein ehrliches Lächeln, und er
antwortet so schnell auf diese Frage wie auf keine andere. Er sieht
aus, als denke er: Welch bescheuerte Frage. "In Deutschland", sagt er.
Flucht:
Nach der US-Invasion im Irak 2003 sind rund zwei Millionen Iraker nach
Syrien und Jordanien geflohen. Die EU-Innenminister beschlossen im
November 2008, dass sie bis zu 10.000 als besonders schutzbedürftig
eingestufte Flüchtlinge außerhalb des regulären Asylverfahrens
aufnehmen. Deutschland stellte dies 2.500 Flüchtlingen in Aussicht. Aufnahme:
Von den 1.800 Irakern, die bislang aus Syrien und Jordanien nach
Deutschland gekommen sind, sind ein Drittel jünger als 16 Jahre. Gut
die Hälfte der Flüchtlinge sind Christen, 400 gehören der religiösen
Minderheit der Mandäer an. Arbeit: Die
Flüchtlinge bekommen nach Paragraf 23 des Aufenthaltsgesetzes eine
Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Diese gilt für zunächst drei Jahre.
Wenn sie keine Arbeit finden, können sie Arbeitslosengeld II (Hartz IV)
beziehen. (seb)Kälte,
eine fremde Sprache, so viele Regeln. Trotzdem ist für den elfjährigen
Ahmed und seine irakischen Landsleute Deutschland das Paradies
Der Weg nach Deutschland


