TAZ, 24.06.2008
Flüchtlinge offensiv unterstützen
Ein rot-weißes Absperrband aus Plastikfolie trennt die Flüchtlinge von dem Grenzübertritt in die Europäische Union. Innerhalb der Absperrung sitzen EU-Politiker zu Mozarts Kleiner Nachtmusik am Frühstückstisch und blättern gelangweilt in Zeitungen. Drei Meter entfernt ist ein gefangen genommener Flüchtling an einen Stuhl gefesselt. Polizisten, bewaffnet mit stählernen, paddelförmigen Stöcken, halten Wache.
So
läuft es an der europäischen Grenze ab, meinen Mitarbeiter der
Nichtregierungsorganisation amnesty international und des Berliner
Flüchtlingsrats. In der kleinen Theaterszene spielten sie Flüchtlinge
auf dem Weg nach Europa nach, um auf deren Probleme in der EU
aufmerksam machen. Anlass des Schauspiels am Gendarmenmarkt war der
Start der Kampagne "Save me - Eine Stadt sagt Ja!" am Montag. Amnesty
international und der Flüchtlingsrat fordern damit den Senat auf, ein
so genanntes Resettlement-Programm für Berlin zu entwickeln. Resettlement
- das bedeutet, Flüchtlinge in ein aufnahmebereites Land zu holen und
ihnen dort einen dauerhaften Aufenthaltsstatus zu geben, bevor sie sich
auf den langen Marsch nach Europa machen. Hier sollen sie dann ein
Recht auf Arbeit, Ausbildung und Wohnung bekommen. Ein Programm dieser
Art gibt es in Deutschland bislang nicht. Die
Idee für die Kampagne stammt aus München. Dort hatte der Bayerische
Flüchtlingsrat anlässlich des diesjährigen 850. Stadtgeburtstags dafür
geworben, 850 Flüchtlinge in München aufzunehmen. "Die USA und Kanada
verfolgen bereits eine Resettlement-Politik", sagt Matthias Weinzierl
vom Bayerischen Flüchtlingsrat. "In den USA sind im Jahr 2006 ingesamt
41.000 Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten aufgenommen worden",
so der Organisator der Münchner Kampagne. Deutschland soll sich, so
Weinzierl, ebenfalls für eine solche Flüchtlingspolitik engagieren.
"Die Kampagne ,Save me' setzt dabei in einzelnen Städten an. In München
läuft das Projekt seit Februar, jetzt geht es los in Berlin." Nach
Aussagen der Kampagne hat sich Innensenator Ehrhart Körting (SPD)
bereits für eine Aufnahme irakischer Flüchtlinge im Vorfeld einer
europäischen Einigung ausgesprochen. Auch das UN-Flüchtlingshilfswerk
hat der Kampagne zufolge ein Konzept für ein Resettlement-Programm in
Deutschland entwickelt. Der Flüchtlingsrat plant
weitere Aktionen in Berlin. Geschäftsführer Jens-Uwe Thomas verriet
aber noch nichts Konkretes. "Erst einmal brauchen wir öffentliches
Interesse für unser Projekt", sagte er. Eine bestimmte Zahl, wie viele
Flüchtlinge aufgenommen werden sollten, sieht die Berliner Kampagne
anders als die in München nicht vor.


